Eine ECFR-Studie mit 5800 Interviews in sechs Ländern zeigt: 73 Prozent der Europäer wünschen eine stärkere, geeinte EU. Gleichzeitig halten 74 Prozent die Union für handlungsunfähig. Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität schafft Raum für Skepsis.
Warum die Mehrheit der Europäer die EU für ineffektiv hält
Die 2026 veröffentlichte Studie des European Council on Foreign Relations (ECFR) basiert auf 5800 Interviews in Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen und dem Vereinigten Königreich. Zusätzlich analysierte sie die öffentliche Debatte in 15 Ländern. 68 Prozent der Befragten beschrieben Europa mit Begriffen wie allgemeiner Verschlechterung oder Verlust von Normalität. Nur 12 Prozent sahen die Gegenwart als Phase europäischer Erneuerung. 74 Prozent gaben an, die EU bewältige aktuelle Herausforderungen nicht wirksam. 43 Prozent nannten den Krieg als größte Herausforderung, 33 Prozent wirtschaftlichen Druck und 29 Prozent den Wunsch nach größerer internationaler Autonomie. Dennoch glaubten 56 Prozent, die Zukunft Europas sei in Gefahr. Pawel Zerka, Senior Researcher beim ECFR, erklärte, das Problem liege nicht im fehlenden Wunsch nach einer stärkeren Union, sondern im fehlenden Glauben an die Machbarkeit. Dies führe zu einem „leeren Raum der Vorstellungskraft“. Die Studie zeigt, dass die EU weniger große Versprechen und mehr nachweisbare Fortschritte liefern muss, bevor die jährliche Rede von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zur Lage der Union gehalten wird. Viele Befragte erkennen die Herausforderungen an, sehen aber keine wirksame Reaktion der Institutionen. Dies verstärkt das Gefühl, dass politische Prozesse zu sehr auf das Gegenwärtige fokussiert sind und nicht auf langfristige Lösungen. Ein junger polnischer Befragter aus den 2000er Jahren brachte die verbreitete Frustration auf den Punkt: „Die EU diskutiert im Wesentlichen viel, aber sie tut nichts.“
Welche Ziele die Bürger mit Europa verbinden
73 Prozent der Befragten verbinden mit Europa klare Vorstellungen von Einheit und politischer Integration (35 Prozent), Frieden und Sicherheit (28 Prozent) sowie Wohlstand (19 Prozent). Lediglich 13 Prozent wünschen weniger Europa oder eine Auflösung der EU. Pawel Zerka fasst das Ergebnis zusammen: Die Menschen haben das Ziel einer stärkeren Union nicht aufgegeben, sie halten es aber für unrealistisch. Ein deutscher Befragter äußerte Erleichterung darüber, in Europa zu leben, da keine andere Region sicherer, freier und demokratischer sei. Gleichzeitig nannte er Klimakrise und rechtsextreme Parteien als größte Herausforderungen, die nicht wirksam angegangen würden. Er wünscht sich für Europa in 20 Jahren Freiheit, Demokratie, Nachhaltigkeit, weniger Schulden, eine politisch eher linke Ausrichtung und Frieden – doch er hält dies für unwahrscheinlich. Die Studie unterstreicht, dass es sich hier um politische und nicht nur kommunikative Fragen handelt. Die Diskrepanz zwischen Vision und Umsetzung bleibt zentral. Zerka betont, die Bürger könnten sich die gewünschte Europa-Form vorstellen, doch eine glaubwürdige Route dorthin fehle.
Wie die vier Wählergruppen die Zukunft der EU bestimmen
Die Studie teilt die europäischen Wähler in vier Gruppen ein. Die Positiven (19 Prozent) sehen Krisen als Chance für mehr Integration. Die Negativen (39 Prozent) glauben, die besten Zeiten Europas lägen hinter ihnen. Fast die Hälfte der Bürger in Frankreich, Deutschland und Italien sowie fast alle AfD-, RN-, PVV- und Reform-UK-Wähler gehören zu dieser Gruppe, von denen 83 Prozent Europa in Begriffen von Verlust und Niedergang beschreiben. Die Abgehängten (12 Prozent) zeigen wenig Interesse an europäischen Themen. Die Unsicheren (31 Prozent) teilen europäische Werte, zweifeln jedoch an der Handlungsfähigkeit der Union. 32 Prozent aller Befragten nannten die Langsamkeit der EU als zentrales Problem. Ein junger polnischer Bürger aus den 2000er Jahren sagte: „Die EU diskutiert im Wesentlichen viel, aber sie tut nichts.“ Die Verteilung zeigt, dass fast alle Wähler rechtsextremer Parteien in der Negativ-Gruppe sind und damit die Skepsis verstärken. Die Analyse der Debatten in 15 Ländern bestätigt, dass diese Gruppenverteilung die öffentliche Wahrnehmung der EU stark beeinflusst.
Warum die Unsicheren entscheidend sind
Die Unsicheren behalten eine emotionale Bindung an das europäische Projekt. Sie fühlen sich jedoch durch institutionelle Trägheit, bürokratische Langsamkeit und wahrgenommene geopolitische Schwäche entfremdet. 30 Prozent kritisierten die Schwäche gegenüber starken Akteuren, etwa bei Zollzugeständnissen an die USA. Pawel Zerka betont, dass Politiker meist die Positiven ansprechen oder den Negativen nachgeben, während die Unsicheren offen für die Zukunft Europas bleiben. Ihre Entfremdung entsteht durch wahrgenommene institutionelle Unfähigkeit und geopolitische Schwäche. Die Studie lässt offen, ob konkrete Erfolge diese Gruppe zurückgewinnen können, bevor die Skepsis weiter zunimmt. Fast ein Drittel der Befragten sieht die Langsamkeit als Kernproblem und verbindet damit das Gefühl von „viel reden, wenig tun“.
Welche Maßnahmen die Glaubwürdigkeit der EU wiederherstellen könnten
Zerka betont, dass Politiker weniger große Versprechen und mehr nachweisbare Ergebnisse liefern müssen. Konkrete Fortschritte bei Energieversorgung, Verteidigung, Klimaschutz und Lebenshaltungskosten könnten die Unsicheren zurückgewinnen. Die Studie zeigt, dass 56 Prozent der Befragten die Zukunft Europas für gefährdet halten. Gleichzeitig bleibt die Mehrheit bei ihrem Wunsch nach einer handlungsfähigen Union. Die Lücke zwischen Wunsch und Umsetzung wird nur geschlossen, wenn die EU sichtbare Ergebnisse liefert. Andernfalls bleibt die Glaubwürdigkeitskrise bestehen und schafft Raum für Skepsis. Die Analyse der Medien- und Politikdebatten in 15 Ländern unterstreicht, dass ohne sichtbare Handlungen das Misstrauen weiter wächst. Zerka warnt, dass ohne nachweisbare Fortschritte die Gruppe der Unsicheren weiter schrumpfen und die Negativen zunehmen könnten.
FAQ: Häufige Fragen zur ECFR-Studie zur EU
Wie viele Menschen wurden befragt?
Die Studie umfasst 5800 Interviews in sechs Ländern sowie eine Medienanalyse in 15 Ländern.
Welche Herausforderungen nennen die Befragten am häufigsten?
43 Prozent nennen Krieg, 33 Prozent wirtschaftlichen Druck und 29 Prozent den Wunsch nach größerer internationaler Autonomie.
Wie hoch ist der Anteil der Negativen?
39 Prozent der Befragten gehören zur Gruppe der Negativen, die einen Niedergang Europas sehen.
Was unterscheidet die Unsicheren von den Negativen?
Die Unsicheren teilen europäische Werte, zweifeln aber an der Umsetzung. Die Negativen halten die besten Zeiten für vorbei.
Was schlägt der Studienautor vor?
Pawel Zerka fordert weniger Versprechen und mehr konkrete Beweise für Fortschritte bei drängenden Problemen.
