Das Palästinensische Filmfestival kehrt für das fünfte Jahr in Folge nach Athen zurück und findet vom 15. bis zum 31. Oktober 2026 statt. Unter dem Leitthema „Nichts entsteht aus dem Nichts“ präsentiert die von Dounias organisierte Veranstaltung eine vielschichtige Auswahl an Filmen, Diskussionen und kulturellen Events. Das Programm umfasst internationale Regisseure, Archivmaterial und interdisziplinäre Performances, die sich mit Themen wie Vertreibung, kollektiver Erinnerung und dem Erbe der Geschichte auseinandersetzen. Das Festival bietet eine Plattform für palästinensische Künstler, um komplexe Narrative jenseits einseitiger Darstellungen zu präsentieren.
Was ist das zentrale Thema des diesjährigen Festivals?
Das diesjährige Festival steht unter dem Leitmotiv „Nichts entsteht aus dem Nichts“, das sowohl als kuratorisches Prinzip als auch als philosophische Fragestellung dient. Es geht um die Untersuchung dessen, was vererbt wird, was überlebt und was in Vergessenheit gerät, wenn Geschichten über Generationen hinweg weitergegeben werden.
Die Organisatoren betonen, dass jedes Bild Spuren der Vergangenheit in sich trägt. Archive werden nicht als neutrale Sammlungen betrachtet, sondern als Resultate bewusster Entscheidungen darüber, welche Teile der Geschichte bewahrt und welche dem Vergessen überlassen werden. Jede persönliche Erinnerung wird dabei als ein Fragment einer größeren, kollektiven Erzählung verstanden. Das Festival zielt darauf ab, diese Fragmente durch das Medium Film sichtbar zu machen.
Die Rolle der Archive in der Geschichtsschreibung
Im Zentrum steht die Frage, wer die Kontrolle über die Archive besitzt und welche Stimmen darin Gehör finden. Das Festival nutzt Archivmaterial, um zu zeigen, wie das Kino Geschichten neu rahmen kann, die das gegenwärtige Leben weiterhin maßgeblich prägen.
Welche bedeutenden Regisseure werden vertreten sein?
Ein zentraler Eckpfeiler des Programms 2026 ist eine Retrospektive über das Werk von Elia Suleiman, einem der markantesten Stimmen des palästinensischen und internationalen Kinos. Der Regisseur wird persönlich in Athen anwesend sein, um über seine Arbeiten und seine einzigartige filmische Herangehensweise zu sprechen.
Die Retrospektive umfasst einige seiner bedeutendsten Filme, darunter:
- It Must Be Heaven
- The Time That Remains
- Divine Intervention
- Chronicle of a Disappearance
Suleiman wird in Diskussionen erläutern, wie er Elemente der Geschichte, der Autobiografie, des Absurden und des Alltäglichen miteinander verknüpft. Neben Suleiman wird auch das Werk von Mohammad Bakri gewürdigt. In Zusammenarbeit mit dem Attischen Schulzentrum für antikes Drama und dem Kulturraum Baumstrasse findet ein Tribut an Bakri statt, der seine Lebensleistung durch Vorführungen und Lesungen ehrt. Mitglieder seiner Familie, darunter Saleh, Yafa und Siham Bakri, werden an den Veranstaltungen teilnehmen.
Wie behandeln die Filme das Thema Vertreibung und Zugehörigkeit?
Die Sektion „Archives of Belonging“ widmet sich der Frage, was von einem Ort zurückbleibt, wenn dessen Bewohner vertrieben werden. Durch die Nutzung von Archivmaterial und persönlichen Berichten wird untersucht, wie Bilder und Erinnerungen das Gefühl einer Gemeinschaft aufrechterhalten können, selbst wenn Grenzen und Generationen sich verändern.
In diesem Rahmen werden zwei wesentliche Werke gezeigt:
- Partition von Diana Allan
- A Stone’s Throw von Razan AlSalah
Ein weiteres Highlight ist der Film You Come From Far Away von Amal Ramsis. Dieses Werk verknüpft die spanischen Bürgerkriege, den Zweiten Weltkrieg, die Nakba und den libanesischen Bürgerkrieg zu einer erschütternden Familiengeschichte. Nach der Vorführung findet ein Dialog zwischen Amal Ramsis und der Tochter der Protagonistin statt, was die intergenerationale Suche nach Identität und Geschichte auf die Bühne bringt.
Koloniale Narrative und Museen
Ein weiterer programmatischer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit kolonialen Strukturen. Der Film A Sunken Tale of Losses Delayed von Larissa Sansour und Søren Lind betrachtet die koloniale Plünderung aus einer palästinensischen Perspektive. Begleitend findet die Veranstaltung „Pirates, Museums & Other Colonial Fictions“ statt, bei der Amer Shomali, der Direktor des Palästinensischen Museums in Birzeit/Ramallah, über die Rolle von Museen und fiktionalen Erzählungen spricht.
Welche literarischen und interdisziplinären Beiträge gibt es?
Das Festival beschränkt sich nicht nur auf die Leinwand, sondern erweitert seinen Horizont durch die Sektion „Thinking Palestine Otherwise“. In Kooperation mit San Casciano Publications wird der Autor, Dichter und Journalist Mohammed El-Kurd als Gast begrüßt.
Die Diskussionen mit El-Kurd werden Themen wie Sprache, politische Repräsentation und die vielfältigen Darstellungen Palästinas behandeln. Zudem wird der Dokumentarfilm UNRWA, 75 Years of a Temporary History gezeigt, gefolgt von einem Gespräch mit der Regisseurin Lyana Saleh. Diese Zusammenarbeit erfolgt in Kooperation mit dem Eteron-Institut für Forschung und sozialen Wandel sowie der Organisation WIFT GR.
Den Abschluss bildet eine Verbindung von arabischer Poesie und griechischer Musik. In der Performance In the Beginning Were the Apricots arbeitet die palästinensische Dichterin Carol Sansour mit den Musikern Michalis und Pantelis Kalogerakis zusammen. Die Performance basiert auf der Übersetzung von Sansours Poesie durch Natasa Sideri und wird durch Originalmusik ergänzt.
Was sagt die Festivalleitung über die Vision des Events?
Carol Sansour, die Direktorin des Festivals, erklärt, dass das Thema „Nichts entsteht aus dem Nichts“ die Komplexität der palästinensischen Identität widerspiegelt. Sie betont, dass das palästinensische Kino nicht als eine einzige, monolithische Erzählung gesehen werden darf, sondern als ein reichhaltiges Feld aus Humor, Politik, Fantasie und persönlicher Erfahrung.
„Das Archiv ist niemals neutral“, so Sansour. Das Festival möchte ein Ort sein, an dem die Komplexität dieser Geschichten erlebt werden kann – sei es durch die Rückkehr eines Filmemachers zu seiner Familiengeschichte, die Kritik an Museen oder die Verbindung zwischen arabischer und griechischer Kultur. Es geht darum, die Geschichten in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu zeigen, anstatt sie auf eine einzige Erzählung zu reduzieren.
FAQ: Häufig gestellte Fragen
Wann findet das Palästinensische Filmfestival statt?
Das Festival wird im Zeitraum vom 15. bis zum 31. Oktober 2026 in Athen stattfinden. Es bietet über zwei Wochen hinweg ein vielfältiges Programm aus Filmvorführungen, Diskussionen und kulturellen Veranstaltungen an verschiedenen Orten der Stadt.
Wer ist der Hauptgast des Festivals 2026?
Der renommierte Regisseur Elia Suleiman ist der zentrale Gast der diesjährigen Ausgabe. Im Rahmen einer Retrospektive werden seine wichtigsten Filme gezeigt, und er wird persönlich an Diskussionen über sein Werk und seine filmische Herangehensweise teilnehmen.
Welche Themen werden im Programm behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den Themen Erinnerung, Geschichte, Archivierung, Vertreibung und dem Gefühl der Zugehörigkeit. Das Festival beleuchtet zudem koloniale Strukturen, politische Repräsentation und die Verbindung zwischen persönlicher Familiengeschichte und globalen historischen Ereignissen.
Gibt es neben Filmen auch andere Kunstformen?
Ja, das Programm ist interdisziplinär gestaltet. Neben Filmvorführungen gibt es Lesungen, poetische Performances, Live-Musik sowie Diskussionen mit Autoren, Journalisten und Künstlern, um eine ganzheitliche kulturelle Erfahrung zu ermöglichen.
Wie ist das Festival organisiert?
Das Festival wird von Dounias organisiert. Es arbeitet mit verschiedenen kulturellen Institutionen zusammen, wie etwa dem Attischen Schulzentrum für antikes Drama, dem Eteron-Institut und verschiedenen Verlagen, um ein breites Spektrum an Perspektiven abzudecken.
Key takeaways
- Das 5. Palästinensische Filmfestival findet vom 15. bis 31. Oktober 2026 in Athen statt.
- Regisseur Elia Suleiman ist der Hauptgast mit einer umfassenden Film-Retrospektive.
- Das Leitthema lautet „Nichts entsteht aus dem Nichts“, mit Fokus auf Archive und Identität.
- Das Programm kombiniert Film mit Poesie, Musik und literarischen Diskussionen.
Fazit
Das Palästinensische Filmfestival 2026 in Athen positioniert sich als ein essenzielles kulturelles Ereignis, das weit über die reine Filmvorführung hinausgeht. Durch die Verknüpfung von Archivarbeit, persönlicher Erinnerung und politischer Reflexion schafft es einen Raum, in dem die Komplexität der palästinensischen Erfahrung ohne Vereinfachungen sichtbar wird. Die Einbindung von Größen wie Elia Suleiman und Mohammed El-Kurd unterstreicht den hohen künstlerischen und intellektuellen Anspruch. Letztlich dient das Festival als Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart sowie zwischen verschiedenen kulturellen Identitäten.
