Wenn die queere Geschichte Neapels auf das fotografische Archiv der Familie Manfredi trifft, bricht das Werk von Roman Manfredi mit jedem Klick bestehende Stereotype auf. Der Künstler beleuchtet die tief verwurzelte Tradition der femminielli und verknüpft persönliche Familienerinnerungen mit der komplexen sozialen Identität der Stadt. Durch seine Linse werden verborgene Erzählungen sichtbar gemacht, die weit über bloße Dokumentation hinausgehen. Diese Ausstellung bietet einen tiefen Einblick in eine Welt voller Farben, Identitäten und kultureller Nuancen, die Neapel so einzigartig machen. Er zeigt dabei die Verbindung zwischen privatem Erbe und öffentlicher Geschichte.
Was verbirgt sich hinter dem Begriff der femminielli in Neapel?
Die femminielli sind eine kulturell einzigartige Figur der neapolitanischen Geschichte, die eine Form des „dritten Geschlechts“ verkörpert und sich einer einfachen Übersetzung in moderne westliche Begriffe entzieht. In Manfredis Projekt „TRA“ – ein italienisches Wort für „zwischen“ – werden sie als Teil einer lebendigen Tradition dargestellt, die nicht als Relikt der Vergangenheit, sondern als kontinuierlicher kultureller Bezugspunkt fungiert. Das Werk stellt einen fotografischen Tribut an die Widerstandsfähigkeit, das kollektive Gedächtnis und die zeitlose Präsenz der queeren Gemeinschaft in der italienischen Tradition dar.
Obwohl die Sichtbarkeit der femminielli im Laufe der Zeit schwankt, bleiben sie fest in der neapolitanischen Identität verankert. Dies zeigt sich insbesondere in der mündlichen Überlieferung, in Volkstraditionen, in Performances und in kollektiven Erinnerungen. Manfredi betont, dass die Präsenz dieser Gemeinschaft heute komplex ist und durch moderne soziale Veränderungen, den Tourismus sowie neue Wahrnehmungen des Geschlechts geprägt wird, aber dennoch ein wichtiges kulturelles Referenzmerkmal bleibt. Das Projekt vermeidet dabei die Tendenz, diese Vielfalt zu kategorisieren oder zu objektivieren.
Die spirituelle Verbindung in Montevergine
Ein wesentlicher Aspekt der Identität der femminielli ist ihre tiefe Verbindung zum Sakralen. Für sein Projekt reiste Manfredi nicht nur durch die Straßen Neapels, sondern suchte auch Montevergine auf – einen Ort der Pilgerfahrt, an dem sich femminielli und andere queere Personen versammeln, um die Schwarze Madonna zu verehren. Diese spirituelle Praxis ist eng mit der lokalen Geschichte verwoben.
Die Legende besagt, dass die Schwarze Madonna im 13. Jahrhundert ein gleichgeschlechtliches Paar vor dem Tod rettete. Diese Erzählung unterstreicht die tiefe spirituelle Integration der queeren Gemeinschaft in die religiöse Landschaft der Region. Für Manfredi ist dies ein Beweis dafür, dass die Präsenz dieser Identitäten weit über moderne Etiketten hinausgeht und tief in den religiösen und sozialen Gefügen der Region verwurzelt ist.
Wie beeinflusste ein Familienfund das Werk von Roman Manfredi?
Ein zufälliger Fund in einem Schuhkarton mit alten Familienfotos diente als emotionaler und konzeptioneller Ausgangspunkt für Manfredis aktuelle Arbeit. Der nicht-binäre Künstler entdeckte ein Bild seiner Großmutter in einer Szene, die wie eine Hochzeit zwischen zwei Frauen wirkte, was ihn dazu veranlasste, zu fragen, ob es eine andere queere Geschichte innerhalb seiner eigenen Familie gab.
Die Aufklärung dieses Fundes führte zu einer tieferen Auseinandersetzung mit den Traditionen des Cross-Dressings. Manfredi erfuhr durch die Erklärungen seines Onkels, dass das Foto während des Karnevals aufgenommen wurde, als seine Großmutter in den Reisfeldern des Piemont arbeitete. Diese persönliche Entdeckung – die Frage, ob seine Großmutter von queeren Menschen umgeben war – wandelte sich von einer privaten Familienfrage zu einem umfassenden visuellen Archiv von Erfahrungen queerer Personen in verschiedensten Kontexten. Es war dieser Moment der Neugier, der den Weg für die Erforschung der Identität als etwas Biologisches, Relationales und Erfahrungsbasiertes ebnete.
Welche Rolle spielt die Ausstellung „TRA“ in der globalen queeren Debatte?
Die Ausstellung „TRA“ versucht, den Fokus von rein akademischen, oft weiß geprägten nordamerikanischen oder nordeuropäischen Diskursen über Gender-Identität weg auf andere kulturelle Perspektiven zu lenken. Manfredi, der in London lebt, wollte zeigen, wie Geschlecht durch andere kulturelle Linsen wahrgenommen wird. Da er italienische Wurzeln hat, suchte er gezielt nach einem Ort in Italien, der diese Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern feiert, was ihn schließlich nach Neapel führte.
Das Projekt erweitert das Spektrum der Repräsentation erheblich. Neben den femminielli umfasst es auch die masculille – Personen, die als weiblich geboren wurden, aber als männlich auftreten. Durch diese Erweiterung möchte Manfredi die historische Unsichtbarkeit und das Fehlen der Präsenz dieser Identitäten unterstreichen. Das Werk setzt damit die Linie seiner vorangegangenen Ausstellung „WE/US“ fort, die sich mit der Butch- und Stud-Kultur der Arbeiterklasse befasste, und schafft einen visuellen Katalog der erweiterten geschlechtlichen Ausdrucksformen.
Visuelle Kontraste und Identitätsmarker
Die Fotografie nutzt starke visuelle Kontraste, um die Vielfalt darzustellen. Manfredi hat die Stadt Neapel als einen Ort dokumentiert, an dem das Vergangene und Gegenwärtige untrennbar miteinander verwoben sind – ein Ort, an dem man sich gleichzeitig im Jahr 1685 und 1985 fühlen kann. Die Porträts bilden einen optischen Katalog verschiedener Altersgruppen und Identitätscodes.
Man sieht masculille Personen mit Tattoos, Gel in den Haaren und silbernen Kreuzen, die in der Sonne glänzen, ebenso wie femminielli, die mit kunstvollen Blumenkränzen oder feinen Strickjacken geschmückt sind. Diese Details sind Ausdruck einer gelebten Identität in einer Stadt, die durch die Ansammlung von Geschichten, Überzeugungen und privaten Räumen geformt wurde. Das Projekt zeigt, dass die Identität der femminielli kein bloßes Fossil der Vergangenheit ist, sondern ein lebendiger Teil der städtischen Textur.
Was ist der künstlerische Hintergrund von Roman Manfredi?
Roman Manfredi ist ein lens-based Artist, der mit analoger Fotografie, bewegten Bildern und Ton arbeitet. Sein Werk bewegt sich an der Schnittstelle von Ort, persönlichen Erzählungen und politischen Topografien. Sein Weg zur Fotografie begann bereits im Alter von 16 Jahren, als er die Schule verließ, um als Assistent in einer Dunkelkammer zu arbeiten.
Nach seinem Studium an der Byam Shaw School of Art/Central Saint Martins und dem Royal College of Art kehrte er zur Fotografie zurück, getrieben von dem Wunsch, seine eigene Gemeinschaft zu repräsentieren. Sein bisheriger Erfolg ist beachtlich: Nach seiner ersten Einzelausstellung „We/Us“ im Jahr 2023 erhielt er 2024 den Jerwood/Photoworks Award 5, der die Entstehung von „TRA“ unterstützte. Seine Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie die alltägliche, gelebte Erfahrung in den Mittelpunkt stellt.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zu den femminielli und Roman Manfredi
Wer sind die femminielli in der neapolitanischen Kultur?
Die femminielli sind eine kulturell einzigartige Figur in der Geschichte Neapels, die als „drittes Geschlecht“ gilt. Sie sind tief in der lokalen Folklore, den Volkstraditionen und der kollektiven Erinnerung verwurzelt und stellen eine Identität dar, die sich der einfachen Übersetzung in moderne westliche Begriffe entzieht.
Was ist das zentrale Thema der Ausstellung „TRA“?
Der Titel „TRA“ (italienisch für „zwischen“) bezieht sich auf den energetischen Raum, in dem sich das Männliche und Weibliche treffen und auflösen. Die Ausstellung untersucht die fluide Natur der Geschlechtsidentität und vermeidet starre Kategorisierungen.
Was inspirierte Roman Manfredi zu diesem Projekt?
Die Inspiration war ein Familienfund: Ein Foto seiner Großmutter in einer Cross-Dressing-Situation während des Karnevals. Dies weckte sein Interesse an der verborgenen queeren Geschichte innerhalb seiner eigenen Familie und der breiteren italienischen Tradition.
Wo kann man die Arbeiten von Manfredi sehen?
Das Projekt „TRA“ ist Teil der Season of Photography 2026 in Schottland, die vom 1. September bis zum 20. Dezember 2026 stattfindet. Das Projekt hat bereits internationale Anerkennung gefunden.
Was unterscheidet die femminielli von modernen Gender-Konzepten?
Während moderne Diskurse oft aus akademischen, nordamerikanischen oder nordeuropäischen Kontexten stammen, sind die femminielli eine historisch gewachsene, tief in der neapolitanischen Tradition und Religion (wie in Montevergine) verankerte Identität.
Key takeaways
- Die femminielli sind ein integraler, historischer Bestandteil der neapolitanischen Kultur und Tradition.
- Roman Manfredis Projekt „TRA“ nutzt persönliche Familienarchive zur Erforschung queerer Identitäten.
- Das Werk verbindet die Geschichte der femminielli mit der der masculille in Italien.
- Die Ausstellung betont die kulturelle Vielfalt jenseits westlich-akademischer Gender-Diskurse.
- Manfredi nutzt analoge Fotografie, um die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu dokumentieren.
Die Verbindung von Tradition und Moderne
Roman Manfredis Arbeit zeigt eindrucksvoll, dass queere Geschichte keine isolierte Erzählung ist, sondern ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Identität einer Region wie Neapel. Indem er die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen verwischt, schafft er einen Raum, in dem die Identität der femminielli nicht als exotisches Kuriosum, sondern als lebendige, historische Kontinuität wahrgenommen wird. Sein Projekt erinnert daran, dass die Geschichte der Geschlechtervielfalt in Europa tief verwurzelt ist und durch die Linse der Fotografie eine neue, würdevolle Sichtbarkeit erfährt.
