Die Unabhängigkeit Zyperns 1959 war das Ergebnis komplexer diplomatischer Manöver. Erzbischof Makarios III. stand vor der gewaltigen Aufgabe, die Souveränität der Insel zu sichern. Er musste sich geschickt zwischen dem drohenden Macmillan-Plan der britischen Regierung und den harten, oft unnachgiebigen Kompromissen in den Verhandlungen von London bewegen. Dieser Prozess war geprägt von tiefen politischen Spannungen und strategischem Kalkül. Makarios navigierte durch ein Minenfeld aus kolonialen Interessen und nationalen Bestrebungen. Letztlich ebnete er den Weg für die Gründung der Republik Zypern, indem er die Interessen der Bevölkerung gegen den Druck der Großmächte verteidigte.
Wie kam es zu den Verhandlungen von Zürich und London?
Der Weg zur Unabhängigkeit Zyperns war von einer Serie diplomatischer Manöver geprägt, die oft im Verborgenen stattfanden. Bereits im Herbst 1957 wurde die Lösung der Unabhängigkeit erstmals in den Hinterzimmern der UN-Generalversammlung in New York vorgeschlagen. Der indische ständige Vertreter Krishna Menon brachte die Idee ein, doch der damalige Erzbischof Makarios III. lehnte diesen Vorschlag zunächst ab.
Die Situation eskalierte im September 1958 mit dem sogenannten Macmillan-Plan. Nach offiziellen Informationen sah dieser Plan vor, die britische Herrschaft durch die Ernennung eines türkischen Gouverneurs in Zypern zu ersetzen. Um diesem Szenario entgegenzuwirken, agierte Makarios mit hoher diplomatischer List. Ein entscheidendes Manöver war ein Interview mit der britischen Journalistin Barbara Castle, die damals Vizepräsidentin der Labour Party war. Obwohl das Interview als riskant galt – da Castle der Opposition angehörte und die Kommunikation über sie nicht der ideale Weg zur britischen Regierung war –, diente es Makarios als gezielter Ablenkungsversuch gegen den Macmillan-Plan.
Parallel dazu versuchte die NATO unter der Leitung des Generalsekretärs Henri Spaak, eine eigene Lösung zu forcieren. Spaak schlug einen siebenjährigen Plan für die Unabhängigkeit vor, der jedoch keine endgültige Lösung der Zypern-Frage vorsah. Während der Erzbischof diesen Plan zwar in Erwägung zog, löste er heftige Reaktionen in der Türkei und in Großbritannien aus. Erst die Kombination aus dem internationalen Druck der UN-Generalversammlung – wo ein Kompromissvorschlag des mexikanischen Vertreters angenommen wurde – und den intensiven bilateralen Gesprächen führte schließlich zum Durchbruch.
Welche Rolle spielte Erzbischof Makarios III. bei der Staatsgründung?
Erzbischof Makarios III. war die alles entscheidende Figur in diesem Prozess. Er musste die Balance halten zwischen dem Wunsch nach absoluter Selbstbestimmung und der Notwendigkeit, eine realistische politische Lösung zu finden, die den drohenden Macmillan-Plan verhinderte. Der Diplomat Nikos Kranidiotis, ein enger Vertrauter des Erzbischofs, beschreibt Makarios als eine Persönlichkeit, die trotz enormer Zweifel und innerer Unruhe die Führung übernahm.
Während der entscheidenden Verhandlungen in London zeigte sich die Schwere der Entscheidung. In den Tagen vor der Unterzeichnung war die Delegation in London unter großer Anspannung. Besonders die Sitzung am 18. Februar 1959 im Lancaster House war kritisch. Makarios erkannte die tiefgreifenden Schwachstellen der vorliegenden Entwürfe, insbesondere in den Verträgen über die Allianz und die Garantie. Als er in einer Sitzung direkt gefragt wurde, ob er den Bedingungen zustimme, antwortete er zunächst mit einem deutlichen Nein: „Wenn Sie mich bitten, in diesem Moment zu antworten, wäre meine Antwort negativ.“
Trotz dieser Bedenken und der massiven diplomatischen Kämpfe, die sich in den Hotels „Dochertester“, „Claridges“ und der griechischen Residenz abspielten, sah er keinen anderen Ausweg. Er war überzeugt, dass die Verträge von Zürich der einzige Weg waren, um die vollständige Übernahme der Insel durch den Macmillan-Plan abzuwenden. Er handelte unter dem Druck, eine Lösung mit dem griechischen Premierminister abgestimmt zu haben, um die nationale Existenz zu sichern.
Die psychologische Komponente der Verhandlungen
Die Geburtsstunde der Republik Zypern war kein rein bürokratischer Akt, sondern ein hochgradig emotionales Drama. Zeitzeugen wie Kranidiotis berichten von den „tragischen Tagen“ in London, in denen die zyperische Delegation zwischen den Fronten der Großmächte stand. Die Anwesenheit von Persönlichkeiten wie dem Bürgermeister von Nikosia, Themistoklis Dervis, dem Abt Kykkos Chrysostomos und dem Metropoliten Kitiou Anthimos unterstrich die Schwere der Verantwortung, die auf den Schultern der Delegation lastete.
Makarios stand vor dem Dilemma, eine Lösung akzeptieren zu müssen, die nicht dem Ideal der vollkommenen Unabhängigkeit entsprach. Er musste die „Ausschusslösungen“ der Großmächte mit der Realität der zyperischen Bestrebungen versöhnen. Diese psychologische Belastung war so groß, dass er nach der Unterzeichnung am 19. Februar 1959 zunächst eine sehr zurückhaltende und vorsichtige Rede für die Rückkehr nach Nikosia vorbereitete. Er wollte die Bevölkerung nicht mit den Unvollkommenheiten der Verträge konfrontieren, sondern den Fokus auf das Ende der Kolonialherrschaft legen.
Warum waren die Verträge von Zürich und London so umstritten?
Die Verträge waren ein komplexes Geflecht aus Zugeständnissen. Die Hauptkritikpunkte konzentrierten sich auf die Verträge über die Allianz und die Garantie. Diese Bestimmungen sollten zwar die Rechte der Minderheiten sichern, schufen aber gleichzeitig eine Struktur, in der die Garantiemächte (Großbritannien, Griechenland und die Türkei) weiterhin Einfluss auf die Angelegenheiten der Insel behielten.
Für die zyperische Führung war es ein schmerzhafter Kompromiss. Die Verträge schufen zwar die „Kypriaki Dimokratia“ (Republik Zypern) als neue Realität, ließen aber Fragen der Souveränität offen, die durch die Allianz- und Garantiebestimmungen eingeschränkt wurden. Die Verhandlungen waren geprägt von der Unnachgiebigkeit der Akteure: Während Makarios versuchte, die Schwachstellen zu verbessern, blieben der britische Premierminister Macmillan und der türkische Außenminister Zörlü unnachgiebig in ihren Positionen.
| Aspekt der Verträge | Inhalt und Zielsetzung | Kritikpunkte |
|---|---|---|
| Vertrag über die Allianz | Regelung der Beziehungen zwischen Zypern, Griechenland und der Türkei | Einschränkung der nationalen Autonomie durch externe Bindungen |
| Garantievertrag | Sicherung der Unabhängigkeit und der territorialen Integrität | Ermöglichung von Interventionen durch die Garantiemächte |
| Staatsstruktur | Gründung der Republik Zypern als unabhängiger Staat | Ein Kompromiss, der die ideale Selbstbestimmung nicht voll erreichte |
Wie wurde die Unabhängigkeit dem zyperischen Volk präsentiert?
Nachdem die Unterzeichnung am 19. Februar 1959 vollzogen war, begann die schwierigste Phase: die Kommunikation des Ergebnisses an das Volk. Makarios wusste, dass die Bevölkerung eine „Sieg der Marathone“ erwartet hatte, während die Realität ein schwieriger diplomatischer Kompromiss war.
Er gab dem Diplomat Kranidiotis die Anweisung, den Entwurf einer Rede zu verfassen, die „enthusiastisch“ und „triumphierend“ sein sollte. Er wollte den Eindruck vermitteln, dass Zypern nach Jahrhunderten der Knechtschaft endlich wieder „Herr seines Schicksals“ geworden sei. Als Kranidiotis darauf hinwies, dass dies kein „Sieg des Marathon“ sei, sondern eher ein mühsamer Kompromiss, entgegnete Makarios mit Entschlossenheit, dass man nicht das antike „Nenikika-men“ (wir haben gesiegt) sagen müsse, wenn man den Erfolg nicht als solchen feiern wolle. Er entschied sich letztlich für die positive Darstellung.
Am 1. März 1959, als die Delegation nach Jahren der Exil und der Kämpfe nach Nikosia zurückkehrte, verkündete Makarios den Sieg. Er nutzte das Wort „Nenikika-men“ in seiner Rede vom Balkon der Erzbischofsmetropoliten. Diese rhetorische Entscheidung war entscheidend: Der zyperische Volksaufschrei war von „exzessivem Enthusiasmus“ geprägt. Die Menschen feierten den Beginn eines neuen Kapitels, das das Ende der Kolonialherrschaft markierte, auch wenn die politischen Spannungen der Verträge weiterhin im Hintergrund wirkten.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zur Unabhängigkeit Zyperns
Was war der Macmillan-Plan?
Der Macmillan-Plan war ein britischer Vorschlag aus dem Jahr 1958, der eine eingeschränkte Unabhängigkeit für Zypern vorsah. Er beinhaltete unter anderem die Ernennung eines türkischen Gouverneurs, was von der griechisch-zyperischen Seite als massive Bedrohung der Souveränität abgelehnt wurde.
Wer waren die Hauptakteure der Verhandlungen?
Zu den zentralen Akteuren gehörten Erzbischof Makarios III., der britische Premierminister Harold Macmillan, der türkische Außenminister Zörlü sowie Vertreter aus Griechenland. Auch internationale Akteure wie der NATO-Generalsekretär Henri Spaak spielten eine Rolle.
Warum wurden die Verträge in London unterzeichnet?
London diente als Ort für die fünfparteiligen Verhandlungen zwischen Zypern, Griechenland, der Türkei, Großbritannien und den beteiligten Akteuren. Die Unterzeichnung fand am 19. Februar 1959 im Lancaster House statt.
Was bedeutet der Begriff „Nenikika-men“ in diesem Kontext?
„Nenikika-men“ bedeutet „wir haben gesiegt“. Makarios III. verwendete diesen Begriff in seiner historischen Rede am 1. März 1959, um den Erfolg der Unabhängigkeit gegenüber dem zyperischen Volk zu betonen, auch wenn die politische Realität ein Kompromiss war.
Welchen Einfluss hatte die NATO auf die Zypern-Frage?
Die NATO versuchte durch den Henri-Spaak-Plan, eine siebenjährige Übergangslösung zu finden, die jedoch keine endgültige Souveränität vorsah und sowohl von der Türkei als auch von Großbritannien abgelehnt wurde.
Key takeaways
- Die Unabhängigkeit Zyperns war das Ergebnis eines harten Kompromisses, um den Macmillan-Plan zu verhindern.
- Erzbischof Makarios III. navigierte zwischen diplomatischem Zweifel und der Notwendigkeit, die Souveränität zu sichern.
- Die Verträge von Zürich und London schufen die Republik Zypern, bürdeten ihr aber durch Garantiebestimmungen Abhängigkeiten auf.
- Die rhetorische Gestaltung der Unabhängigkeit als „Sieg“ war entscheidend für die nationale Akzeptanz.
Abschlussbetrachtung
Die Gründung der Republik Zypern im Jahr 1959 war kein reiner Triumph, sondern ein hochkomplexes diplomatisches Kunststück. Die Verhandlungen zeigen das Spannungsfeld zwischen dem Ideal der vollständigen Selbstbestimmung und der harten geopolitischen Realität. Während Makarios III. es schaffte, die britische Kolonialherrschaft zu beenden, hinterließen die Verträge von Zürich und London eine Struktur, die durch die Allianz- und Garantiebestimmungen die zukünftige Stabilität der Insel beeinflussen sollte. Die Geschichte der Staatsgründung bleibt somit ein Zeugnis für die Kraft der Diplomatie, aber auch für die Last der Kompromisse, die eine junge Nation tragen muss.
