Kurz vor dem Auftritt beim Agorafoviko Festival in Athen erzählen Nikos Veliotis und Alex Machairas von den Anfängen in einem Keller in Kallithea und der aktuellen Phase ihrer Karriere.
Wie alles 1988 begann
Im Mai 1988 trafen sich Nikos Veliotis und Alex Machairas beim Konzert von Blaine L. Reininger im Athener Club Ródon. Innerhalb weniger Stunden beschlossen die beiden 18-Jährigen, ein rein elektronisches Duo zu gründen. Sie orientierten sich an Bands wie Cabaret Voltaire und starteten bereits am nächsten Tag mit Proben in einem Keller in der Lycurgou-Straße in Kallithea. Das Studio nannten sie Airdawn, weil sie meist bis in die frühen Morgenstunden arbeiteten. Sie begannen um vier Uhr nachmittags und arbeiteten bis zum Morgengrauen. Der frische Morgenwind, wenn sie das Studio verließen, blieb in Erinnerung. Nikos hatte bereits ein Jugendprojekt mit Gitarren, Synthesizern und Drum Machines. Alex brachte ein eigenes Synthesizer und eine Drum Machine mit. Gemeinsam bauten sie den Sound von Grund auf mit einem Vierkanal-Mixer auf. Die Adresse Lycurgou 95 gab dem Duo seinen Namen. Die Proben fanden täglich statt, neue Stücke entstanden oder bestehende wurden verfeinert. Die beiden erinnerten sich an die leere Athener Nacht, als sie nach den Sessions nach Hause fuhren. Alex hatte das Duo schon ein Jahr zuvor bei einem Robyn Hitchcock-Konzert im Sinn gehabt, doch erst am Abend mit Blaine L. Reininger wurde daraus Wirklichkeit. Die Garage-Welle hatte die unabhängige Szene erfasst, Creep Records war eingestellt und dark-wave-Bands wie Villa 21 wechselten zu Gitarren. Beide wollten jedoch bewusst den elektronischen Weg gehen.
Der elektronische Sound im Kontext der Zeit
House-Musik stand noch am Anfang, Electronic Body Music war noch nicht als eigenes Genre etabliert. In Trance 95 wählten bewusst den elektronischen Weg mit Synthesizern, Drum Machines und einem Vierkanal-Mixer. Sequenzer waren damals teuer und selten; viele Basslinien wurden live gespielt. Dieser handgemachte Charakter prägt den Sound bis heute. Die Begriffe Minimal Synth oder Dark Wave entstanden erst später; damals ordnete man alles unter New Wave oder Industrial ein. Front 242 und Clock DVA dienten als Vorbilder. Das Duo mied Gitarren von Anfang an und baute den Klang ausschließlich mit elektronischen Instrumenten. Viele Teile wurden ohne Sequenzer von Hand gespielt, was dem Material einen organischen Charakter verlieh. Heutige Plugins versuchen diesen Effekt künstlich nachzubilden. Die Musiker betonten, dass es damals keine Trennung zwischen gitarrenlastigen und elektronischen Acts gab, alles fiel unter New Wave. Sie wollten von Beginn an rein elektronisch arbeiten und nutzten den Vierkanal-Mixer sowie Drum Machines und Synthesizer, ohne vorher Gitarren auszuprobieren. Nikos spielte die Basslinien live, da Sequenzer fehlten und teuer waren. Die damalige Szene kannte noch keine festen Kategorien; synthpop und industrial existierten nebeneinander unter dem Dach des new wave. Das Duo betont, dass der handgespielte Charakter heute bewusst gesucht wird, während Plugins den Effekt künstlich erzeugen sollen.
Erste Veröffentlichung und Herausforderungen
Die ersten Demos „Desire to Desire“ und „Brazilia“ wurden auf einer Kassette an die Plattenfirma Wipeout Records geschickt. Die Single erschien 1988 auf Vinyl. Der Verkauf lief zunächst schleppend; die 1100 gepressten Exemplare blieben lange in den Läden. Live traten In Trance 95 meist als Support auf und mussten sich gegen ein punk-lastiges Publikum behaupten, das gelegentlich Bierdosen auf die Bühne warf. Trotzdem wuchs langsam ein eigenes Publikum. Die beiden waren bei der Pressung in der Columbia-Fabrik anwesend. Die Aufnahmen entstanden im Blue Moon Studio, wo sie acht Stunden hatten und das fertige Stück mitnahmen. „Brazilia“ blieb der Demo-Version näher, während „Desire to Desire“ stärker verändert wurde. Der DJ Grigoris Vayos unterstützte die Veröffentlichung. Die beiden 18-Jährigen erlebten die Pressung als magischen Moment und waren bei allen Schritten anwesend. Die Single verkaufte sich langsam, doch die Live-Auftritte halfen, ein kleines Publikum aufzubauen. Sie traten meist als Vorgruppe auf und erhielten zunächst wenig Resonanz. In der Columbia-Fabrik erlebten sie den gesamten Produktionsprozess hautnah. Das fertige Vinyl mitzunehmen war damals noch Wissenschafts-Fiktion. Die ersten beiden Singles und das Album wurden komplett in ihrer Anwesenheit geschnitten.
Technische Bedingungen und Austausch
Professionelles Equipment war schwer zu beschaffen. Die Musiker liehen sich Instrumente untereinander aus. Ein wichtiger Unterstützer war Coti K., der technische Probleme löste. Heute ermöglichen Plugins und das Internet eine andere Produktionsweise, doch das Duo schätzt weiterhin den organischen Klang handgespielter Parts. Geräte wie der Poly800 oder die TR-909 gingen durch mehrere Bands. Geldüberweisungen ins Ausland waren damals nicht möglich. Coti K. kannte die Maschinen genau und half bei allen technischen Fragen. Die Szene war klein; viele trafen sich im Happening oder im Club An. Der Austausch von Geräten war üblich, da teure Modelle selten waren. Coti K. wurde über gemeinsame Bekannte kennengelernt und löste technische Fragen zu den Maschinen. Die begrenzte Verfügbarkeit von Synthesizern und Drum Machines zwang die Musiker zum Teilen und Improvisieren. Roland- und Yamaha-Vertretungen boten nur die günstigsten Modelle an. Der TR-606 von Nikos wanderte ebenfalls durch die Szene. Ohne Internet und Auslandsüberweisungen blieb der Gerätepool klein und der Austausch essenziell.
Aktuelle Phase und Live-Erfahrung
Seit der Wiederbelebung ab 2010 spielen In Trance 95 weltweit, unter anderem in Montreal. Veliotis erinnert sich, dass er dort „Brazilia“ – ein Stück aus seiner Zeit als 18-Jähriger – auf der Bühne spielte. Die beiden betonen, dass die Live-Shows der letzten zwölf Monate zu ihren besten gehören. Sie arbeiten weiter am Klang und behalten den jugendlichen Enthusiasmus bei. Die Stücke aus dem Keller in Kallithea erwiesen sich als zeitlos. Neue Arbeiten zeigen sowohl die Aktualität als auch die Weiterentwicklung des Sounds. Das Duo tritt international auf und aktualisiert das alte Material. Die Konzerte in verschiedenen Ländern bestätigen die anhaltende Relevanz der frühen Kompositionen. Der jugendliche Enthusiasmus bleibt erhalten, während neue Stücke den Sound weiterentwickeln. Die internationale Präsenz hat das Material in eine Zeit geführt, für die es ursprünglich gedacht war. Die Konzerte beweisen, dass die Kompositionen aus den späten 1980er Jahren auch Jahrzehnte später noch lebendig klingen.
Auftritt beim Agorafoviko Festival
Am 18. September treten In Trance 95 im Athener Veranstaltungsort PLYFA auf. Gemeinsam mit Lena Platonos, Selofan und weiteren Acts präsentieren sie ihren aktuellen Stand. Das Festival bietet Gelegenheit, den nach wie vor relevanten 80er-Sound live zu erleben. Die Veranstaltung findet in der Koritsas 39 statt und vereint verschiedene Acts der elektronischen Szene. Der Auftritt markiert einen weiteren Schritt in der kontinuierlichen Präsenz des Duos auf der Bühne. Die Show verbindet alte und neue Stücke und zeigt die Entwicklung des Klangs seit der Wiedervereinigung 2010.
Häufig gestellte Fragen
Wie haben In Trance 95 ihren Namen gewählt?
Der Zusatz 95 verweist auf die Adresse Lycurgou 95 in Kallithea, wo das erste Studio lag.
Welche Einflüsse prägten das Duo?
Front 242, Clock DVA und Cabaret Voltaire gehörten zu den wichtigen Referenzen für den elektronischen Ansatz.
Warum war der Start so schwierig?
Das Publikum bevorzugte damals gitarrenlastige Bands; elektronische Acts waren selten und stießen auf Widerstand.
Was macht die aktuellen Live-Shows besonders?
Die Musiker berichten von einer neuen Reife und technischen Präzision, die in den letzten Monaten erreicht wurde.
Spielen sie noch alte Stücke?
Ja, Klassiker wie „Brazilia“ und „Desire to Desire“ gehören weiterhin zum Set und werden mit frischem Klang interpretiert.
